15Die Schlacht um Giverny2011l auf Leinwand250x400cm20121105174254.jpg

Anna Bittersohl | Malerei

Fernsehbeitrag zur Ausstellung:

"Die Suche nach der versiegelten Zeit"
Galerie Schuermer
(05.05.2012-07.07.2012)

www.youtube.com/watch?v=71_y5bvJCKo&feature=youtu.be
www.galerie-schuermer.de
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Katalogtext 2009:

Anna Bittersohl | Malerei
Manchmal wurden Kinos früher Lichtspielhäuser genannt. Unwillkürlich denkt man an den hellen Strahl, der aus dem Projektor auf die Leinwand trifft, um dort bewegte Bilder zu erzeugen. Das Spiel auf der Leinwand ist ein Spiel mit Licht. Es gibt ein Schauspiel wieder, vom Anfang bis zum Ende, eine Erzählung aus zahllosen Bildern, mit Musik und Text. Am Schluss kommt man mit heißem Kopf heraus und wieder zu sich selbst, ergriffen von Schicksalen, die man teilte und Rollen, in die man schlüpfte.
Ein mittelgroßes Bild von Anna Bittersohl, wie alle anderen unbetitelt, lässt an ein Kino denken ((Abb. s.o.)). Im eigentlichen Bild befindet sich ein zweites, das wie eine breitformatige Projektion wirkt. Oben und unten leicht eingekrümmt, könnte es eine panoramaartige Kinoleinwand sein. Der Raum darum ist dunkel, doch unter der imaginären Kinoleinwand zieht sich ein blauschwarzer Streifen, in den ein zweiter in kräftigem Blau gemalt ist. Der zweite spiegelt die Krümmung der möglichen Leinwand in gleicher Breite und wird vom echten Bildrand unten abgeschnitten. Er wirkt wie die Kante einer überdimensionalen Sitzlehne. Vielleicht ist das Bild im Bild gar keine Kinoleinwand, sondern ein Fenster, durch das ich in einen anderen Raum sehe. Ich fühle mich eingeladen, Platz zu nehmen und zu betrachten.
Das Bild im Bild zeigt eine sehr helle Bodenfläche, halbrund begrenzt von dunklen Ablagerungen. Darüber zeichnet sich ein Horizont mit einer dunklen, blauen Tiefe ab, die sich nach oben aufhellt. Dieser Lichtverlauf, aber auch der helle Boden wölbt sich zur Bildmitte, schüsselartigen Sphären gleich, geöffnet nach oben und nach unten. Die Krümmungen der Ränder und des unteren Streifens stehen mit diesen Sphären in Verbindung. Der scheinbare Kinoraum wird zu einem Bildraum, das Lichtspiel zu einem Moment der Stille und des Loslösens von den Dingen. In diesem Moment gibt es keine Details zu sehen. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die Stille ist vollkommen, und was ich sehe, mag der Meeresboden sein.
Bei ähnlich aufgebauten Bildern ist zu erkennen, dass die Bildgegenstände als riesige Aquarien erscheinen, oder genauer: als Kombination von architektonischen, durch Flächen, Böden und Decken begrenzten Räumen, abgeschnitten von den Bildrändern, mit Ausblicken in unbegrenzte Gefilde. Die eigentliche Attraktion von Aquarien, nämlich bunte Fische oder andere Lebewesen, die wimmelnde Aktivität schillernder Schwärme, wirbelnder Luftblasen fehlt jedoch. In diesen blauen und grünen Wasserwelten bewegt sich nichts, auch wenn sie durchaus angenehm temperiert wirken.
Zugespitzt wird die Situation in den Bildern, in denen Flugzeugwracks am Meeresboden liegen. Unterwasser-Fotografien lieferten das Ausgangsmaterial. Man sieht geborstene Rümpfe, in den weichen, hellen Sand gebohrte Flugzeugnasen und Propellerblätter, Bruchstücke von Tragflächen, zerbrochene Cockpitfenster und zahlreich verstreute Trümmerteile. Keine Lebewesen sind zu entdecken, keine Fische, Korallen oder Krebse. Das Blau der Tiefe hellt sich auf über den Resten menschlicher Technik, mit der man einen ebenfalls unwirklichen, weil nur künstlich betretbaren Raum – den freien Himmel – durchquerte. Doch Zeit, Bewegung im Raum, existiert hier nicht mehr. Die Katastrophe existiert nicht, nur ein Zustand, weil Zeit und Erzählung fehlen. Wie in Caspar David Friedrichs Eismeer oder auf Giorgio de Chiricos leeren Stadtplätzen öffnet sich ein Denkraum an Stelle eines Aktionsraumes. Zumindest ein wesentlicher Unterschied zu den beiden Denk-Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts muss jedoch benannt werden: Anna Bittersohls Bilder sind nicht bedeutungsgeladen, sie tragen keine inhaltliche Botschaft, sind keine späten Widergänger von „Erdlebenkunst“ oder „Pittura Metafisica“. Sie verwirklichen den Wunsch, einen stillen Raum der Malerei zu entwickeln. Deshalb sind die sachten Verläufe des Lichts, die Hervorbringung von Tiefe und Raum der eigentliche Bildgegenstand. Die Malerin nennt die Wirklichkeit Mittel zum Zweck; sie bezeichnet ihre Motive als Bausatz, der frei verformbar ist, je nach Bildidee. So verändert sie die Vorlagen, nimmt Formen hinzu, entfernt Formen. Es ist ein Vorgehen auf dem schmalen Grad, der zwischen genauer Beobachtung und künstlerischer Freiheit entlang führt, um als Gipfel eine figurative und dennoch reine Malerei zu erreichen.
In dieser Atmosphäre des genauen Beobachtens, im angehaltenen Moment sind auch die gemalten Gesichter, die Figuren im Zimmer oder die Close-Ups, die Ausschnitte architektonischer Situationen wiedergegeben. Es sind Lichtspiele, die den Zuschauer nicht wegreißen in eine Handlung. Der Kopf bleibt angenehm kühl. Es geht um aktives Sehen und eine kreative Vorstellungskraft, die den Wechsel sucht zwischen gegenstandslosen Harmonien und Spannungen und einem Raum, in den ich im Geiste eintauchen kann. Ich werde nicht ergriffen, sondern kann die Malerei begreifen.

Jochen Meister (Text zum Katalog „Anna Bittersohl“ | 2009)