text

Geworfene, Entrückte, Versehrte. Pilgerinnen, Suchende, Wanderer. Indianer, Magiere, Wunschweltbewohnerinnen. Das ist das Personal, das Anna Bittersohls Bilderwelt bevölkert. Womit bereits angedeutet ist, warum uns ihre Arbeiten angehen, irritieren.  Bittersohl stellt uns den modernen Menschen archetypisch vor: als zur Freiheit verdammten Pradiesvertriebenen (Geworfenheit), der aus Begabung gezwungen ist, seiner Existenz einen Sinn beizumischen (Pilgerin) - und der, durch technische Könnerschaft sich selbst entfremdet, eine Art zweites Jenseits herbeisehnt (Wunschwelt). 

Ihre Figuren sind einsam, ich-verloren, selbst wenn sie, sehr ausnahmsweise, als Paar oder Gruppe in Erscheinung treten: starke, innengeleitete Charaktere, die sich vom Vormarsch der Vernunft bedrängt sehen und den Triumphzug von Fortschritt und Aufklärung nur noch als zivilisatorisches Rauschen wahrnehmen: Helden und Heilige einer Antirationalität (oft aureolisch herausgestellt), die sich eine Ahnung vom vormodernen Lebensgefühl der Umfangenheit, ihre Resonanzfähigkeit als ein individueller Teil der Natur erhalten wollen. 

Daher die Durchsichtigkeit von Bittersohls Figuren, ihr osmotisches In-der-Welt-Sein: Meist ihrer „empirischen“, dem wissenschaftlichen Erkennen dienenden Sinne beraubt, tasten sie sich als Blinde in eine „Wahrheit“ hinein, die dem empirischen Zugriff des modernen Menschen entzogen bleibt. Und daher treffen wir auch, in so vielen anderen Bildern, auf eine fast schon pantheistisch beseelte Natur, die sich in Bittersohls Schaffen als Sujet eigenen Rechts behauptet - und deren ikonografische Stille und Erhabenheit sich dezidiert nicht einem realistischen Blick, sondern allein traum-malerischer Anverwandlungskraft verdanken.

 

Dieter Schnaas/ Autor, WirtschaftsWoche


installation views